Kritik Winterthur Der Landbote 18.02.2012
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Der Landbote    18.02.2012      Stadtkultur     Michael Graf:


Liebe ist auch nur eine Art Geschäft

«Berlin ist schön, mit Angst in den Knien!» Im Foyer des Theaters Winterthur geht Doris als «kunstseidenes Mädchen» durch Glanz und Hunger der frühen Dreissigerjahre. Ein kleines Sprachwunder.

Ein ganzer Armvoll Rosen! Doris tänzelt vor mädchenhaftem Glück. Wer ist der anonyme Verehrer? Sie hat als alterndes Jungtalent auf den Kleinbühnen der Republik jede Falte ehrlich verdient, und doch ist da wieder diese champagnerperlende Lebenslust ihrer Mädchentage. In der Intimität der Künstlergarderobe schminkt und kostümiert Doris sich und die Erinnerung.

Die Männer hatte sie früh durchschaut. Ihr ödes Leben in der mittleren Stadt als Briefeschreiberin ohne Liebe zu Kommas lässt sie sich durch spendable Verehrer vergolden. Den Hubert aber liebt sie, «mit Kopf, Mund und weiter abwärts», bis er nach dem Studium eine Gutbürgerliche sucht. Sie versteht, wütend. Liebe ist auch nur eine Art Geschäft.

Als sie ihren lüsternen Arbeitgeber abweist, landet Doris als Statistin beim Theater. Mit flinker Intrige ergaunert sie eine Sprechrolle. Alles könnte gut sein, bis sie an der Theatergarderobe den Feh sieht, eine Pracht von Pelzmantel. Er riecht nach Checks und Deutscher Bank und ist weich wie nackte Seidenhaut. Im Feh glaubt das Arbeitermädchen Doris alles sein zu können – sie greift zu. Doch nun muss sie eine neue Existenz finden.

Sie flieht nach Berlin, ohne Plan und Geld, nur mit dem Feh und einem unerschütterlichen Optimismus. Sie haust bei Bekannten und in möblierten Zimmern, hungert und schliesst Freundschaften. Hat sie eine gutbetuchte Affäre, räkelt sie sich im Kimono und nascht Sarotti. Berlin glänzt, und Doris will selbst ein Glanz werden. Gott soll ihr eine feine Bildung machen – den Rest erledigt sie selbst mit Schminke.

Hellsichtig

Schnoddrig realistisch und doch zauberhaft poetisch ist das Berliner Leben 1931, durch Augen dieses hellsichtigen Strassenmädchens gesehen. Für den Kriegsblinden Brenner sammelt sie Augenblicke von den Strassen. Huren und Arbeitslose, Wohlanständigkeit und Überfluss beschreibt sie in ihrer wild assoziierenden Sprache und öffnet damit nicht nur Brenner die Augen, sondern auch dem Publikum. Naive Weltgewandtheit scheint allenthalben durch: «Man soll nie Kunstseide tragen, die zerknautscht dann so schnell mit einem Mann.»

Irmgard Keuns Roman «Das kunstseidene Mädchen» von 1932 ist Gesellschaftskritik, Gefühlsschmonze und weiblicher Schelmenroman in einem. Doch wie bringt man eine Tagebucherzählung auf die Bühne, die durch intime Innenansichten glänzt? Aus der Retrospektive, antwortet die Inszenierung von Filmregisseurin Cornelia Grünberg aus Berlin. Ursula Maria Schmitz ist als gealterte Diva die einzige Protagonistin und das Mädchen Doris entsteht uns bühnenfüllend durch ihr erlebendes Erinnern. Auf drei Leinwänden flimmern dazu schwarzweisse Filmaufnahmen der Dreissigerjahre – Tram, Hut, Tanzcafé – im Takt zur Erinnerung.

Immer noch aktuell

Als Chansonnière ist die reife Doris zudem ihr eigener Chor. Sie reibt musikalischen Balsam auf alte Wunden und verteilt Weisheit im Schlagervers. Bei allen szenischen Kunstgriffen bleibt die Inszenierung aber angenehm ungekünstelt. Tatsächlich ist sie textnah genug, dass sie einlädt, Keuns Roman wiederzuentdecken. Im Dritten Reich als «Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz» geächtet, erleben Keuns starke Frauenfiguren eine kleine Renaissance. Zu Recht, selten wurde die deutsche Sprache so lustvoll und treffsicher auf den Kopf gestellt. Der Überlebenskampf dieses furchtlosen Mädchens, seine naiven Träume und seine bissige Menschenkenntnis haben nichts von ihrer Aktualität verloren. Trotz Überlänge – es war uns ein Frühling!